UCT
Operation Bienenbüttel

 

Im zivilen Outdoorleben sucht sich der Kanute für einen schönen Paddelausflug auf einem malerischen Flüsschen in Niedersachsen vorwiegend schönes Wetter aus. Mutti schmiert Brote, Vatti schmuggelt heimlich ein Sixpack (damit ist nicht seine Bauchmuskulatur gemeint) unter den hinteren Sitz im Kanadier. Denn Vatti ist Steuermann und sitzt im Boot natürlich hinten. Nicht, weil er so gerne (und gut) steuert, sondern weil dann Mutti nicht seine Bierchen mitzählen und so viel quatschen kann. Außerdem, so sagt Vatti zu Mutti, kann man ein Kanu nur von hinten steuern. Was Vatti aber nicht daran hindert, Mutti eine dumme Kuh zu nennen, weil sie das Boot in der engen Kurve schon wieder in das Schilf gesteuert hat. Nach etwa sechs dieser engen Kurven ist Vattis Sixpack leer, Mutti will sich scheiden lassen und das Boot verkaufen. Auch dass sich der riesige Schwan noch gerade eben in ihrem Paddel verbissen hat, kann sie nicht aufmuntern. Ein guter Zeitpunkt, den lustigen Familienausflug zu beenden.

Szenenwechsel. Nicht weit vom Ufer eines malerischen Flüsschens in Niedersachsen entfernt, beginnt sich eine Gummipelle zu bewegen. Froschmann Xaver wird im Morgennebel vom nervigen Gezwitscher der Vögel und vom vielversprechenden Summen der Moskitos wachgeküsst. Gerade noch Zeit, den Lagerplatz abzubauen und an den Treffpunkt zu verlegen, an dem in Kürze die Froschmänner Yun und Rehlein dazustoßen werden.

Es ist ein kühler Samstagmorgen und die drei Männer haben sich getroffen, um die Ilmenau von Bienenbüttel bis Lüneburg zu bezwingen. Im Gegensatz zu unserer Vorgeschichte hat Mutti keine Brote geschmiert. Aber Froschmann Xaver überrascht die verdutzten Kameraden mit drei riesigen Tüten abgelaufener Lebensmittel, die er sich an einem Müllcontainer auf dem Hinterhof eines Supermarktes gegen zahlreiche Gegner erkämpft hat. Über die unermesslichen Verluste auf der Gegenseite schweigt er sich aus. Rehlein und Yun haken auch nicht nach, Hauptsache die Kinderschokolade ist dabei. Doch noch etwas ist anders, als bei der Paddeltour unserer Vorgeschichte: die Männer tragen ihre Sixpacks unter dem Einsatzhemd und sie paddeln heute - ohne Boot!

Nach einem ausgedehnten Frühstück an einem malerischen Fluss in Niedersachsen wird es Zeit, den Einsatz zu beginnen. Die Männer rasen in ihrem Einsatzfahrzeug auf der B4 in Richtung Bienenbüttel. Wenige Kilometer vor dem Zielort ziehen sich die Männer auf einen Rastplatz neben der Straße zurück, um die Neoprenanzüge anzulegen. Trotzdem Yun extra einen Anzug in Deeskalationsfarben mitgebracht hat, scheinen die Passanten verstört zu zu sein. Erst als Xaver sie mit den Worten, sie seien unterwegs zur SM-Party in Uelzen, beschwichtigt, bricht das Eis und die angespannte Situation ist entschärft.

Mit angelegter Neoprenmontur und konzentrierten Gesichtern bewältigen die Männer die letzten Kilometer bis zur Kirche in Bienenbüttel. Von hier aus sind es nur noch ein paar Schritte durch das Ortszentrum bis zur Ilmenau. Am Einstieg beruhigen die Männer einen gerade vorbeifahrenden Paddler mit den Worten "Wir haben unser Boot vergessen". Eine Tarngeschichte, wie bis zum Ende der Operation noch oft benutzt werden soll. Sechs Stunden Schwimmen liegen vor den Männern, auf deren Gesichtern sich ein kaltes Lächeln abzeichnet: es beginnt zu regnen.

Die Ilmenau hat eine ganz beachtliche Strömung, so dass sich die Einsatzgruppe schnell ärgert, nicht die Route flussaufwärts gewählt zu haben, um wenigstens eine gewisse sportliche Herausforderung meistern zu können. Statt dessen wird es ein ruhiges Dahingleiten, das zum Glück in kurzen Abständen durch harte Schläge in den Rücken durch spitze Steine und Äste in den Flachwasserbereichen unterbrochen wird. Besonders unter den Brücken steigert sich der Aufschlagschmerz in extatische Höhepunkte. Der Regen wird stärker, was zur Folge hat, dass die Männer noch glücklicher sind und gleichzeitig noch weniger Paddler mit Booten antreffen.

Nach knapp 90 Minuten ist der Campingplatz Melbeck erreicht, an dem sich die Männer 30 Minuten Pause und eine Handvoll abgelaufener Lebensmittel gönnen. Anwesende Dauercamper trauen sich nicht in den 10-m-Radius um der unheimlichen Gestalten heran, trotz der deeskalierenden Farbapplikationen an Yuns Neopren, die Froschmann Rehlein gewissenhaft mit einem tarnfarbenen Boonie-Hat auszugleichen versucht.

Nach einer kargen Mahlzeit und einigen Hilfestellungen bei anlandenden Paddler-Opis machen sich die Männer wieder auf den Weg. Bisher hat sich die Ilmenau von ihrer gemütlichen und kurvenarmen Seite gezeigt. Ab jetzt wird sie sich bis zur Roten Schleuse in unzähligen Mäandern wälzen und wenden wie ein leidender Regenwurm, dessen Leib von einer hungrigen Amsel mehrfach durchbohrt wird. So grausam kann die Natur sein!

Irgendwann kommt der Frühstücksplatz in Sicht. Rehlein denkt in einem Sekundenbruchteil von Ermüdung an das dort parkende Zweit-Einsatzfahrzeug und die hervorragende Möglichkeit, die Mission hier erfolgreich zu beenden. Er beschließt jedoch, den Kameraden den Vortritt bei der Formulierung dieses schändlichen Versagens zu überlassen, zumal auch Froschmann Yun von ähnlichen Gedanken geplagt zu sein scheint. Lediglich Xaver denkt sich: "Klasse, die Jungen gar nichts, dann schwimmen wir doch bis Lüneburg weiter!" und so kommt es, dass die drei Männer schneller am Fahrzeug vorbei geschwommen sind, als der faulige Zahn der Schwäche sein Loch in den harten Panzer der Motivation nagen  kann.

In den nächsten Kilometern lösen sich die unterschiedlichsten Landschaftsbilder ab. Eintönige Weiden wechseln sich mit dichten Wäldern und bewachsenen Hängen ab. Je näher die Männer dem Ziel kommen, desto prächtiger werden die Häuser, die von oben hämisch auf die Erschöpften herunterzustarren scheinen. Mittlerweile zählt nur noch das Ankommen. Jede Schwimmbewegung läuft mechanisch ab, die Münder der Männer vermögen kaum noch Scherze zu formulieren. Doch plötzlich reißt ein Dialog, der von einem der prunkvollen Häuser zu den Schwimmern herunter schallt, die drei Helden aus ihrer Lethargie:

Kind: "Papa, guck mal, da unten schwimmen Männer!"

Papa: "Das sind Soldaten auf einer Übung"

Die Bugwelle an den Hinterköpfen der Froschmänner wächst schlagartig um etliche Zentimeter. Das Wasser zwischen ihren Flossen scheint zu kochen. Keiner der drei Helden will ein Kind enttäuschen. So geschieht es, dass die Rote Schleuse aufgrund der unbeschreiblichen Geschwindigkeit fast von den harten Jungs verfehlt wird. Ein folgenschwerer Fehler, denn hier steht das dritte und letzte Einsatzfahrzeug. Doch im letzten Moment geht alles gut.

Diese unglaubliche Geschichte ist fotografisch nur unzureichend dokumentiert, da das Team mit der erbarmungslosen Natur, den körperlichen Strapazen und den Filmarbeiten beschäftigt war. Sobald der Film fertig ist, wird der interessierte Zuschauer es erfahren!

Die ganze Strecke auf einem Blick

Xavers Biwakplatz ganz in Wassernähe

Ausrüstung für echte Männer

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